Stille Wischen

 

Mitten auf einem grossen, verkehrsreichen Stadtplatz langsam mit einem etwas strubligen Reisbesen den Boden wischen, ganz ruhig, ohne jede Eile, hin und her, fast wie ein Sähmann. Schon nach wenigen atemgleichen Wischzügen öffnet sich quasi unterhalb der Alltagshektik eine ungeahnte Weite ruhender Gegenwart. Sobald ich aber sauber machen will, verschwindet der Kontakt mit der inneren Zeit wieder. Höre ich aber auf das zunächst völlig belanglose Wischgeräusch, beginne ich zu verstehen. Ja natürlich! Nur dem Besen zuhören, wie er über den Boden gleitet. Der Besen liegt gut in der Hand und ich schreibe weite Bögen vor mir her, wische einer zufälligen Schattenlinie entlang. Passanten bleiben kurz stehen, machen mir, ohne dass es ihnen wirklich auffällt, Platz. Bei jedem Wischzug entsteht ein kleiner Wirbel, der am Ende des weichen Schwungs weggleitet und aufsteigt. Mehrere Personen wischen zusammen, manchmal ganz synchron, manchmal abwechselnd, immer wieder auf ein auffälliges Geräusch aus dem Stadtklangnebel zuhörend, dem Trommelrhythmus der Autoreifen, wenn sie über die Tramgeleise rollen, dem Lachen des Tramkontrolleurs, dem Klingeln eines Fahrrads, oder dem schrillen Kläffen eines zwergwüchsigen Hundes, der ganz unvernünftig an seiner Leine reisst. Zwei junge Frauen machen spontan mit und wischen eine kreisrunde Bahn, geniessen überrascht ihre eigene Ruhe und drehen gleich noch eine Runde.

 

12 Reisbesen

12 aus jeglicher Zeit gefallene Werkzeuge, die daran erinnern, dass die Menschen früher viel Handarbeit geleistet haben.

12 Spielfiguren für eine fantasievolle Choreografie des gemeinsamen Stillewischens

12 persönliche Perkussionsinstrumente zur Beruhigung des akuten Stadtlärms.

12er Wischteam: Alle können mitmachen, in der Morgendämmerung, am Mittag, am späten Abend, mitten in der Nach. Ganz allein, zu zweit, oder im Chor. Ruhe Wischen geht immer.

12 Minuten, eine Stunde 20 Minuten oder sogar 12 Stunden lang

 

 

Die Komposition «Stille wischen für den Alltag» entstand für die Woche ‘Stilles Zürich’ 2019 (stilles-zuerich.ch).

Die Zwölf Reisbesen I- XII sind Instrumente und Partitur zugleich.

Ich wünsche mir, dass die Kirche St. Jakob mit ihren kulturellen und sozialen Engagements, die 12 Besen aufbewahrt und für spontane und geplante Aufführungen von Stillewischen allfälligen AlltagswischerInnen zur Verfügung stellen kann.

Sieben weitere Aufführung von «Stille Wischen» um die Kirche St.Jakob herum und in die Stadt hinein sind bis Ende 2019 geplant.

 

Mit ganz herzlichen stillwirbligen Grüssen

Andres Bosshard, 2019